Politik schlägt Logik

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Von Mario Springer, Geschäftsführer OILCO Energy Trading

Im Oktober fiel der Ölpreis der Leichtölsorte WTI auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren. Mittlerweile weist einiges darauf hin, dass hier sogar die psychologisch wichtige Marke von 80 US-Dollar pro Barrel unterschritten werden könnte. Selbst Brent, das noch im Juli für 110 US-Dollar gehandelt wurde, ist momentan für rund 84 US-Dollar zu haben. Kaum ein Analyst hätte damit zu Jahresbeginn gerechnet. Was also steckt hinter diesem Phänomen? Die Antwortet lautet: Die Politik dürfte schuld sein.

Seit nunmehr vier Monaten scheint der Ölpreis an den Weltmärkten – und mit ihm der Mineralölpreis in Deutschland – nur noch eine Richtung zu kennen: Es geht abwärts. Bisher galt: Wenn es an den Krisenherden der Erde knallt, schnellt der Ölpreis nach oben. Doch trotz der IS-Krise im Nahen Osten und den Spannungen zwischen Russland und dem Westen zeigt sich der Ölpreis dieses Mal unbeeindruckt. Der wichtigste Unterschied zwischen den früheren Krisen und heute ist der schleichende Machtverfall der OPEC durch die Förderung unkonventionellen Öls aus Schiefergestein in Nordamerika.

Obwohl die Internationale Energieagentur (IEA) gerade feststellte, dass die globale Nachfrage nach Öl in diesem und im kommenden Jahr niedriger als prognostiziert ausfallen dürfte, hat die OPEC – deren Mitglieder rund ein Drittel des weltweiten Ölangebots bereitstellen – angedeutet, dass sie ihre Fördermenge nicht reduzieren werde. Für 2014 erwartet die IEA nur noch einen Nachfrage-Zuwachs um 650.000 Barrel pro Tag, im Jahr 2015 soll die Nachfrage lediglich um 1,1 Millionen Barrel pro Tag steigen.

Doch die OPEC darf nicht darauf hoffen, dass die Schieferölproduktion in den USA zurückgefahren wird: Nach Angaben der US-Energiebehörde EIA wird die dortige Ölproduktion in den drei wichtigsten Schieferölformationen Bakken, Eagle Ford und Permian Basin im November 2014 um 106.000 Barrel pro Tag gegenüber dem Vormonat steigen. Die für die Schieferölproduzenten relevanten Ölpreise (Bakken, WTI Midland) lägen inzwischen nur noch bei 75 bis 76 US-Dollar je Barrel. Langsam aber sicher operiert man am Rande der Rentabilität.

Was also soll das alles? Dass die Ölproduzenten ihr Interesse am Geldverdienen verloren haben, ist natürlich Unsinn. Einige energiehungrige Länder wie Japan und China profitieren sogar von der wirtschaftlichen Entspannung, die mit einem niedrigen Ölpreis einhergeht. Andere Länder jedoch – und hier kommt die Politik ins Spiel – geraten nun mächtig unter Druck. In Venezuela etwa weiten sich die Versorgungsengpässe aus und die Währung gerät ins Trudeln.

Besonders hart trifft es aber Russland, das rund die Hälfte seiner Staatseinnahmen aus den Öl- und Gas-Verkäufen erhält. Selbst der sonst vor Selbstbewusstsein strotzende Präsident Putin räumte ein, dass der Staatshaushalt jetzt „angespannt“ sei. Im Kreml und in den Chefetagen der russischen Konzerne scheint man mittlerweile überzeugt, dass die Politik – genauer: die USA und ihre Verbündeten in Saudi-Arabien – die Produktion hoch und damit den Ölpreis künstlich niedrig hält, um so Russland in die Knie zu zwingen. Der ehemalige russische Finanzminister Alexei Kudrin, dem viele schon eine goldene Zukunft als Putin-Nachfolger vorhersagen, durfte diese Theorie sogar im Staatsfernsehen verbreiten.

Doch auch wenn dieses Szenario nach Verschwörungstheorien klingt und bewusst an die Umstände des Untergangs der Sowjetunion in den späten 1980-er Jahren erinnert – so einfach von der Hand weisen lässt sich eine politische Einflussnahme beim Ölpreis nicht. Denn durch eine quasi verdeckte Sanktion wie diese lässt sich Russland weitaus effizienter in die Knie zwingen als durch offizielle Maßnahmen wie Einreise-Verbote für ausgewählte Kader. Damit wird die bisher geltende Logik, nach der Krisensituationen den Ölpreis nach oben schnellen lassen, durch die Politik künstlich umgekehrt.

Doch ewig kann diese Strategie nicht gefahren werden: Noch profitieren die USA von niedrigen Energiekosten, doch bald ist der Punkt erreicht, an dem die Regionen, die mittlerweile von den unkonventionellen Förderstätten abhängig sind, in Mitleidenschaft gezogen werden. Ewig lassen sich Produktionsdrossellungen bei stagnierender weltweiter Nachfrage nicht aufschieben.

 

(Politik schlägt Logik)